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Maßgeschneiderte Barrierefreiheit durch KI: Wie Vibe Coding neue Teilhabechancen eröffnet

Große Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) wie ChatGPT, Claude, Mistral oder Gemini können Menschen nicht nur bei der Erstellung und Übersetzung von Texten unterstützen, sondern werden zunehmend auch zur Entwicklung vollständiger Computerprogramme und Webseiten eingesetzt. In diesem Zusammenhang wird häufig der Begriff Vibe Coding genutzt.

Dabei beschreibt man in natürlicher Sprache und schrittweise, welche Funktionen ein Programm erfüllen oder wie ein Programm bedient werden soll, und gibt diese Beschreibung als Prompts in ein LLM ein. Das Sprachmodell generiert daraufhin selbstständig den gewünschten Programm- oder Web-Code. Auf diese Weise sollen neue Computerprogramme und Webseiten auch ohne Programmierkenntnisse entstehen können. Vibe Coding bringt dabei sowohl neue Chancen als auch Herausforderungen für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen mit sich.

Eine zentrale Herausforderung besteht beispielsweise darin, dass KI-generierter Code häufig nicht barrierefrei ist. Gleichzeitig eröffnet Vibe Coding aber neue Möglichkeiten zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. So lassen sich in kurzer Zeit Anwendungen für sehr kleine Nutzergruppen oder einzelne Personen entwickeln – und das häufig ohne tiefgreifendes technisches Fachwissen.

Auf der Suche nach Beispielen und Erfahrungen aus der Praxis stießen wir auf die NARBE Foundation in den USA. Diese Stiftung wurde 2025 von Ari Rosenberg mit seiner Familie gegründet, um die Entwicklung personalisierter Technologien für Menschen mit Behinderungen zu fördern. Mithilfe von Vibe Coding entwickelt er individuelle Computerprogramme für seinen Bruder Ben. Dieser lebt mit einer seltenen Form von TUBB4A‑bedingter Leukodystrophie. Dies bedeutet, dass er nicht mehr sprechen kann und alle vier Gliedmaßen gelähmt sind. Er kann nur noch wenige gezielte Bewegungen, zum Beispiel mit dem Kopf, ausführen.

Wir hatten die Gelegenheit Ari Rosenberg nach seinen Erfahrungen zu befragen. Im Interview berichtet er, wie er gemeinsam mit seinem Bruder neue Computerprogramme entwickelt, welche Potenziale und Herausforderungen er mit Vibe Coding verbindet und wie die NARBE Foundation die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen fördert.

Interview mit Ari Rosenberg

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Vibe Coding für die Entwicklung von Anwendungen für Ben zu nutzen?

Es begann mit einem einfachen Computerprogramm zur unterstützten Kommunikation, das für Ben von einer gemeinnützigen Organisation namens „The Speak Your Mind Foundation“ entwickelt wurde. Mithilfe von zwei Knöpfen an einem Stirnband konnte Ben aus mehreren vordefinierten Sätzen und Symbolen auswählen, um mit uns zu sprechen. Aber die Anpassungsmöglichkeiten dieses Programms waren begrenzt. Als ich mir den Programmcode ansah, fragte ich mich, ob ich das System selbst erweitern könnte, um Ben mehr als nur eine Auswahl von vorgegebenen Sätzen anbieten zu können – vielleicht sogar die Möglichkeit, seine liebsten Serien und Filme in einer Medienbibliothek auszuwählen.

Ich bin kein Programmierer, und als Vollzeit-Pflegekraft wäre ich damit überfordert gewesen, alles zu lernen, was nötig ist, um ein vollständiges System von Grund auf zu entwickeln. Zu dieser Zeit stieß ich auf einen Beitrag im Internet, in dem erwähnt wurde, dass KI-Tools wie ChatGPT Code schreiben können.

Ich öffnete ChatGPT und begann, Fragen zu stellen. Anstatt Programmieren auf traditionelle Weise zu lernen, habe ich die KI angeleitet und mich darauf konzentriert, zu beschreiben, was ich bauen wollte. Damals kannte ich den Begriff „Vibe Coding“ noch nicht. Ich wollte einfach ein Problem für meinen Bruder lösen und ihm mehr Unabhängigkeit ermöglichen.

Wie ist Ben in die Entwicklung dieser Anwendungen eingebunden?

Ben gibt die Richtung vor. Als wir unser erstes Vibe Coding-Projekt starteten, wollte er sein Programm nutzen, um lustige Zitate aus Serien wie „Die Simpsons“ und „Family Guy“ auszuwählen und wiederzugeben, da Humor seine Art ist, mit uns zu kommunizieren. Bei der Weiterentwicklung zu einer Medienbibliothek half er mit der Auswahl der TV-Serien und Filme. Sobald er auf einer individuellen Tastatur navigieren und tippen konnte, begann er, bestimmte Spiele zu verlangen. Im Sommer bat er beispielsweise um Bowling und Basketball, also habe ich das als Nächstes entwickelt.

Wir bauen alles rund um seine Fähigkeiten. Es ist ein ständiger Iterationsprozess mit ihm. Er ist nicht nur Nutzer. Er ist Gestalter.

Welche Auswirkungen hat die Nutzung von Vibe Coding auf Ben und das tägliche Familienleben?

Vibe Coding ermöglicht uns, schrittweise und in Echtzeit zu entwickeln. Bens System ist kein fertiges Produkt. Es entwickelt sich mit ihm. Wenn ihn etwas frustriert, passen wir es an. Hat er eine neue Idee, können wir sie am selben Tag testen, ohne lange auf Updates eines kommerziellen Produkts zu warten. Technologie wird entsprechend nicht länger über ihn gestülpt, sondern sie wird um ihn herum gebaut.

Welche technischen Voraussetzungen braucht man, um ein eigenes Vibe Coding-Projekt zu starten?

Ich bin kein Experte. Was ich genutzt habe, war ein Windows-PC, einen Zugang zu einem großen Sprachmodell und einen starken Willen, ein spezifisches Problem zu lösen.

Der Schlüssel ist nicht technische Perfektion. Es geht darum, klare Fragen zu stellen und bereit zu sein, zu experimentieren. Mit KI-Tools sind heute viele Dinge, die früher eine Ausbildung erforderten, zugänglicher.

Welche Einschränkungen haben Sie bisher mit Vibe Coding erlebt?

Anfangs hatten KI-Modelle Schwierigkeiten mit Feinheiten, insbesondere bei Design-Details und Sonderfällen. Mein erstes Baseball-Spiel zu bauen, dauerte fast einen Monat, weil ich die Prompts ständig verfeinern und kleine Codestücke manuell anpassen musste. Die frühen KI-Modelle kamen nah an das gewünschte Ergebnis heran, aber nie ganz ans Ziel.

Heute sind die Fähigkeiten deutlich besser. Ein solches Projekt könnte mittlerweile mit klaren Prompts und Iterationen innerhalb weniger Tage entstehen. Der Abstand zwischen Idee und Umsetzung hat sich also erheblich verkürzt.

Die größte Herausforderung ist jetzt nicht das Entwickeln neuer Funktionen, sondern das Umstrukturieren älterer Systeme in sauberere Architekturen. Wenn Modelle sich verbessern, möchte man naturgemäß Dinge effizienter bauen.

Das Tempo des Fortschritts ist dabei bemerkenswert. Wenn ich auf ein technisches Problem stoße, hilft es manchmal, einfach eine kurze Zeit auf Modellverbesserungen zu warten.

Welches Potenzial bietet Vibe Coding künftig für Menschen mit Behinderungen?

Das tiefere Potenzial liegt nicht im Programmieren, sondern in der Personalisierung. Behinderung ist sehr individuell. Kein Mensch hat identische motorische Fähigkeiten, kognitive Voraussetzungen, Ermüdungsmuster oder Vorlieben. Die meisten Hilfsmittel versuchen zu verallgemeinern – und dieser Ansatz scheitert oft bei Menschen mit komplexen Bedürfnissen. KI-gestützte Entwicklung senkt die Einstiegshürde für hochgradig personalisierte Systeme. Familien und kleine Gemeinschaften können Tools bauen, die auf eine bestimmte Person zugeschnitten sind, anstatt sich diese Person einem starren Produkt anpassen muss.

Und mit der Verbesserung dieser Tools passiert noch etwas Kraftvolleres: Man kann sich eine Welt vorstellen, in der jemand sein barrierefreies System einfach durch Beschreibung verbessern, reparieren oder erweitern kann. Anstatt auf Experten warten zu müssen, können Familien direkt selbst Änderungen vornehmen. Das gibt die Kontrolle zurück an diejenigen, die täglich mit der Behinderung leben.

Langfristig stelle ich mir KI-Systeme vor, die direkt mit jemandem wie Ben zusammenarbeiten, Ja-oder-Nein-Fragen stellen und schrittweise ein maßgeschneidertes System bauen – ganz ohne Vermittler. Kurzfristig wird allein die Erkenntnis, dass es keine Lösung von der Stange gibt, mehr Menschen dazu motivieren, maßgeschneiderte Systeme zu bauen, die das Leben wirklich verbessern.

Warum haben Sie die NARBE Foundation gegründet?

Als wir Bens Geschichte öffentlich gemacht haben, meldeten sich viele Menschen und fragten, wie sie Zugang zu ähnlichen Systemen bekommen könnten. Uns wurde klar, dass das, was für Ben möglich war, nicht von einer engagierten Familie oder besonderen Umständen abhängen sollte. Es gibt viele Menschen mit komplexen Behinderungen, deren Bedürfnisse zu spezifisch für Standardprodukte sind. Die NARBE Foundation wurde gegründet, um die Entwicklung maßgeschneiderter Lösungen für extreme Fälle im Bereich Barrierefreiheit zu unterstützen.

Wir bauen eine gemeinnützige Community auf, die sich darauf konzentriert, Autonomie und Würde durch personalisierte Technologie wiederherzustellen.

Wie unterstützt die NARBE Foundation neue Projekte?

Wir bieten einen Raum, in dem Experimentieren ausdrücklich erwünscht ist. Durch unsere Online-Community verbinden wir Familien, Entwickler, Pädagogen und Kreative, die Computerprogramme für die Barrierefreiheit sehr kleiner Zielgruppen entwickeln.

Wir teilen Erfahrungswerte, stellen vielversprechende Projekte vor und vergeben in manchen Fällen Mikrozuschüsse, um Projekte voranzubringen. Außerdem halten wir Vorträge und Demonstrationen für Organisationen und Fachleute, die daran interessiert sind, wie Sprachmodelle und deren Fähigkeiten in der Praxis genutzt werden können, um individuelle Lösungen zu entwickeln.

Unser Ziel ist es, die Denkweise zu verändern: Weg von „Es muss doch schon ein Produkt dafür geben“ hin zu „Können wir selbst bauen, was wir wirklich brauchen?“ Durch KI wird diese Frage zum ersten Mal zu einer echten Option.

Wie kann man sich mit eigenen Projekten bei der NARBE Foundation einbringen?

Wir haben eine wachsende Online-Community, in der Menschen teilen, was sie entwickeln, und sich gegenseitig unterstützen. Wir heißen Entwickler, Familien und Organisationen willkommen, die personalisierte Lösungen erforschen.

Weitere Informationen gibt es auf narbefoundation.org und über unsere Community-Plattformen. Da sich KI ständig weiterentwickelt, erwarten wir, dass unser Fokus künftig immer stärker auf Öffentlichkeitsarbeit, Bildung und der Präsentation innovativer Barrierefreiheitsprojekte anderer liegen wird.

Gibt es sonst noch etwas Wichtiges, das Sie mitteilen möchten?

Es ist wichtig klarzustellen, dass Vibe Coding nicht die eigentliche Mission ist. Es ist lediglich ein modernes Werkzeug, das die Hürde zwischen Idee und Umsetzung verringert. Wir möchten Familien zeigen, dass sie nicht auf teure, starre Systeme angewiesen sind, die Menschen mit komplexen Bedürfnissen oft nicht gerecht werden.

Die NARBE Foundation ist eine Anlaufstelle für diese Informationen, aber es gibt auch andere Organisationen, die wichtige Arbeit in angrenzenden Bereichen leisten. Initiativen wie Open AAC, AT Makers, AbleGamers und andere tragen maßgeblich zur Entwicklung barrierefreier Technologien bei. Wir schätzen und respektieren ihre Arbeit.

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